Samstag, 26. Juni 2010

Sonntags-Yoga, Indus-Fußbad und Quaddel-Alarm

Samstag Nachmittag, der letzte hier und mein letzter Guesthouse-Garten-unterm-Baum-sitz-Blog-Bericht (diesbezüglich schade, denn das ist wirklich ein zauberhaft friedvoller Platz hier). Denn morgen sind 8 Wochen rum und ich werde von hier wieder aufbrechen, auf zu neuen Abenteuern ;)… Immerhin ist der Sommer dann doch noch rechtzeitig aufm Berg angekommen - so richtig und ganz und gar mit viel Sonnenschein und um die 20 Grad und das dauerhaft seit meinem letzten Blog-Bericht letzte Woche, wo ich ja schon von T-Shirt-Wetter sprach. Herrlich! Man fühlt sich plötzlich so leicht und frei mit nur noch 1-2 statt 6-7 Schichten Klamotten :).

Heut Morgen war ganz schön Remmdidemmi hier aufm Campus. Irgendein sehr alter, sehr berühmter und sehr buddhistischer Mönch aus Ladakh, der aber jetzt Kopf eines Klosters in Südindien ist, stattete uns einen Besuch ab und wurde mit ganz großem zeremoniellem Brimborium empfangen. Die älteren Mädchen (also ab Klasse 5) waren die ganze Woche schon nach der Schule für keine Nachmittags-Stunde zu haben, weil sie zur Arbeit abberufen wurden – alle Straßen und das Gelände um die Culture Hall herum wurden wohl gründlichst sauber gefegt und hergerichtet. Viele hundert Fahnenstangen mit Fahnen in Buddhisten-Farben (grün, gelb, blau, weiß, rot) begrenzen die Straßen, was wirklich hübsch aussieht. Der Auto-Korso (ja, auch wir haben sowas hier :-P) mit Mönch und Anhang wurde aufm Weg zur Culture Hall von Mädchen und Jungen in traditionellen Kostümen und Musik angeführt, die Straße wurde neben den Fahnen von allen restlichen Kindern der Schule (die vormittags alle schulfrei hatten)in Schuluniform sowie allen anderen Campus-Bewohnern (inkl. mir) gesäumt. Es folgten zwei Stunden Zeremonie, in der der Mönch, auf einer Art Thron sitzend, zunächst alle, die einzeln an ihm vorüber gingen und händefaltend den Kopf beugten, segnete (mit einem roten Bändchen, was man sich dann um den Hals binden kann). (Ich hab mir den Segen und das hübsche rote Band auch mal vorsichtshalber abgeholt. Man kann ja nie wissen.) Der Rest war leider äußerst unspektakulär, da sowohl Mönch als auch unser Obermönch Sanghasena  ihre laaaaangen Reden auf Ladakhi hielten… Allerdings gähnten oder schliefen auch einige der Anwesenden um mich herum, die definitiv verstanden haben, was da erzählt wurde. Naja. Nun ist wieder Ruhe eingekehrt, die Kinder sind in der Schule und ich bereite mich langsam auf meine Abreise vor – Wäsche waschen, Vorräte aufessen und so ;).

Letzte Woche Sonntag gabs ein Yoga-Erlebnis der ganz besonderen Art. Tashi teilte mir am Sonnabend Abend kurz vor knapp noch mit, dass ein paar der Mädels Sonntag früh um 6.30 Uhr nach Leh zu unserer Mahabodhi-Zweigstelle (da werden einzelne Lehrstunden in Yoga und Meditation für Touris angeboten) fahren – warum und wozu wusste sie natürlich mal wieder nicht (Tashi weiß nie was genaues und meistens gar nichts) – und fragte netterweise, ob ich mitfahren will. Klar. Also Sonntags 5.45 Uhr raus, um 6 Frühstück, 6.30 Uhr mit ca. 20 Mädels im Schulbus auf nach Leh. Am Mahabodhi-Haus haben wir kurz gestoppt, Yoga-Matten, Teppiche und drei nette israelische Touristen eingeladen und sind dann hoch zur Stupa gefahren (die ich mir ja schonmal mit Hannah angeschaut hatte). Es waren noch einige andere Touristen da und ein echter indischer Yoga-Lehrer. Und nun gab es eine morgendliche Yoga-Session auf der Terrasse vor der Stupa! - Hoch oben auf nem Berg mit wirklich wahnsinniger Aussicht auf das grüne Leh-Tal und die umliegenden Bergketten, die Gipfel immer noch schneebedeckt, dazu knallblauer Himmel und wärmende Morgensonne. Da hat alles zusammengepasst, das war soooo toll!!! Nur meine Jeans war nicht so passend zu diesem Zweck, die hat nicht alle Reckungen und Streckungen unbeschadet überstanden… :D. Rückwärts haben wirs uns aufm Dach des Busses bequem gemacht (wo sonst Gepäck transportiert wird), was ein großer Spaß war, weil die Äste der Bäume in Leh ganz schön tief hängen… ;)

Nach der Puja (wo ich mal wieder einschlief und vornüber kippte…) gabs dann leckeren Tee und Gruppenfotosession im Altenheim, einen großen Spaziergang mit den Kleinen (was so um die 40 an der Zahl sind) und zum krönenden Abschluss dieses wirklich gelungenen Sonntags war ich zum Momos machen und essen im Blinden-Hostel eingeladen. Die eine sehr nette Lehrerin Dechen ist dort die Betreuerin von 6 blinden oder sehbehinderten Mädchen und Jungen, die alle ziemlich gut Englisch können, weil ihre Texte in der Schule in englischer Blindenschrift geschrieben sind. Hab fleißig beim Momos machen geholfen, allerdings sah man dann beim Essen genau, welche von mir stammten… :). Zu den Gemüse-gefüllten Teigtaschen gabs eine höllisch scharfe Tomaten-Zwiebel-Chili-Mixtur – das war so derart lecker, dass es gestern nochmal einen Momo-Abend für mich gab, und mit 26 Stück halte ich derzeit den Rekord ;).

Die Tage der vergangenen Wochen verliefen ziemlich relaxed und angenehm, wie immer mit Lesen, Schreiben (sollte einen Volunteer-Bericht über meine Erfahrungen verfassen…fiel mir nicht ganz so leicht, da immer den richtigen diplomatischen Ton zu treffen)und viel Umherspazieren. Habe viel Zeit mit den Kleinen verbracht, da die Großen ja immer Putzen waren. Das Notice Board ist nun auch endlich fertig geworden – es ist hübsch bunt und die Alten freuen sich über ihr Foto am Brett.

Am Dienstag suchte mich dann noch eine mysteriöse und exotische Krankheit heim, über die bis heute nur spekuliert werden kann. Wachte früh auf, weil beide Ellenbogen juckten. Dachte nur: na prima, haben sie mich wieder  ausgesaugt, die Mistviecher. Sah tatsächlich wie Bedbug-Bisse aus, nur komisch, dass es an beiden Ellenbogen gleichzeitig war. Über den Vormittag bekam ich dann einen großflächigen roten Ausschlag am Dekolleté, der wanderte und aber bald wieder verschwand. Und Nachmittags kamen dann an verschiedensten Stellen am ganzen Körper erst kleine rote Flecken, die immer größer wurden, zu Quaddeln auswuchsen und teilweise ganze Hautareale bedeckten und furchtbar juckten und spannten. Da hab ichs dann doch mit der Angst zu tun bekommen und bin zum Mahabodhi Hospital spaziert – ein kleines süßes Krankenhaus mit einem OP-„Saal“, 5 Patientenzimmern und zwei Ärzten plus Chirurg. Der Arzt, dem ich mich vorstellte, kann sich mein Krankheitsbild eigentlich nur mit Bedbug- oder Moskito-Gift erklären, allerdings hab ich nirgendwo Biss- oder Stichstellen finden können... Habe eine Antiallergikum-Spritze bekommen (woraufhin ich direkt für ne Stunde eingeschlafen bin, obwohl ich mich nur 15min ausruhen sollte) und Antiallergikum-Tabletten für abends. Mittwoch und Donnerstag hatte ich dann überall dort Ausschlag, wo er vorher noch nicht war – es schien, als wollten die Quaddeln überall einmal gewesen sein…sogar im Gesicht, an den Ohren, auf den Füßen... Die Tabletten halfen aber glücklicherweise immer nach ein paar Stunden und seit Freitag is Schluss. Offensichtlich war kein Hautfleckchen mehr frei, was zu bequaddeln gewesen wäre… Der Arzt hat mir jedenfalls beim meinem zweiten Besuch noch das ganze Krankenhäuschen gezeigt, nebst Zimmern zur Ayurveda-Behandlung sowie Nieren-und Gallenstein-Sammlungen der letzten OP-Jahre. Hab ihn auch grad nochmal hier im Garten getroffen und ne Runde geschwatzt - ein sehr netter älterer Herr :).

Donnerstag war nochmal einen Vormittag lang Indus-River-Festival (wegen Vollmond), wo Inder von nah und fern anreisen, um sich im heiligen Fluss Indus zu baden (wegen heilender Kraft und so). Weil Tashi mal wieder nix genaues wusste, spazierte ich erst nach dem Mittagessen runter zu dem Platz am Fluss, wo leider schon alles vorbei war. Ein paar Touris, die ich noch antraf und fragte, berichteten, dass es nochmal ein kurzes Culture-Program gab (was ich ja vor zwei Wochen aber schon gesehen hab) und viele badende Inder. Ein paar waren aber immer noch da und wuschen Füße oder auch sich komplett im flachen Fluss. Auch meine Füße sind nun geheiligt oder geheilt oder was auch immer :). Es fand sich auch wieder jemand, der sich ungefragt neben mich setzte und mir ein Gespräch ans Knie band – irritierenderweise aber ein Buddhistenmönch, der immer näher rutschte und schließlich noch um ein gemeinsames Foto bat, als ich andeutete, wieder los zu müssen. Dass er für das Foto dann allerdings noch komplett an mich ranrutschte und mich fest umarmte, war so nicht geplant…*kopfschüttel*…Mönche sind auch nicht mehr das, was sie mal waren…

So, Zeit für die letzte Hausaufgaben-Betreuung und den letzten Abend hier. Damit sei dieser Wochenbericht und das erste Kapitel meiner Reise beendet. Bis sehr bald und seid herzlichst gegrüßt!

Donnerstag, 17. Juni 2010

4.50 Uhr, Momos und ein Hauch von Sommerlichkeit

4.50 Uhr ist eine absolut unchristliche Zeit und ich glaub ich bin noch niemals derart früh aufgestanden, um einer freiwilligen Tätigkeit nachzugehen, die nicht unbedingt sein musste… Wenn der vorherige Tag allerdings schon 21 Uhr vorbei ist und ich somit trotzdem meine acht Stunden Schlaf krieg, isses erstens gar nicht so schwer und zweitens macht’s direkt ein bisschen Freude, mit der aufgehenden Sonne aufzustehen – vorallem mit der Aussicht auf drei tolle nachfolgende Morgenstunden. So geschehen von Samstag bis Montag, wo der letzte 3-Tages-Meditationskurs stattfand. Mit einer Banane als Vor-Frühstück bewaffnet musste die erste Anstrengung des Tages gemeistert werden, nämlich der (ohne Bummeln) 15 Minuten-Marsch zum Meditations-Center hoch – die letzten 5 Minuten sind richtig steil und dann geht’s auch noch ne enorm steile und großstufige Treppe in den Meditationsraum hoch…da legt das Herzlein schonmal n Schritt zu … aber man hat ja anschließend anderthalb Stunden Zeit, sich gründlich zu aklimatisieren ;) Im Vergleich zu vor 6 Wochen hat sich da allerdings viel getan bezüglich meiner Atemlosigkeit. Wenn ich wieder daheim bin sollte ich mein Blut meistbietend an irgendwelche Tour-de-France-Bescheißer verhökern :).

Das Meditieren klappt immer besser – auch wenn ich immernoch stark zum Einschlafen tendiere, sobald ich meinen Kopf leer gefegt habe. Strenge ich mich an, nicht einzuschlafen, klappts schlecht mit dem Kopfleerfegen. Es ist wahnsinnig interessant und ein bisschen erschreckend, welche Gedanken, Bilder, Erinnerungen und Ideen da plötzlich angeflogen kommen, wenn man einfach nur lange still sitzt und nichts denkt (bzw. nichts denken will). Dinge, an die man jahrelang nicht gedacht hat, Themen, die man längst verdrängt hat, oder von denen man dachte, man hätte seinen Frieden damit geschlossen. Wahrscheinlich versetzt man sich wirklich in eine Art hypnotischen Trance-Zustand… Von 7 bis 8 Uhr gabs dann wieder eine Stunde Yoga – ich liebe es! Am ersten Tag draußen unter freiem Himmel, weils doch tatsächlich mal ein schöner Tag war. Das ist auch gleich nochmal was ganz anderes, wenn die Vöglein über einem zwitschern und einem die Morgensonne das Gesicht bescheint, wenn man sich zum Relaxen zwischen den Übungen ausstreckt. Samstag und Sonntag konnte ich auch an der Abend-Yoga-Stunde teilnehmen, weil ja keine Hausaufgabenstunde mit den Mädels anstand. Khunzang hat uns ordentlich verbiegen und strecken lassen; meine Knack-Schulter hat währenddessen für Erheiterung gesorgt ;).

So schön der Samstag war, so verregnet war der Sonntag. Es hat richtig dolle geschifft, so dass zum ersten Mal mein Regenschirm zu Einsatz kommen musste, damit ich trocken zum Center hochkomme. Eigentlich regnets hier fast nie und eigentlich solls hier oben 300 Sonnentage im Jahr geben. Ich bin jetz sechseinhalb Wochen hier, wovon mindestens zwei Drittel (gefühlt ja gut 90 % :D) Schlechtwettertage waren…entweder die haben nach meiner Abreise nen absoluten Bombensommer (weil die schlechten Tage ja nun schon fast alle aufgebraucht sind) oder dieses Jahr ist alles anders…

Die Kinder hatten vergangenen Samstag jedenfalls schulfrei (weils der zweite Samstag im Monat war; ansonsten is Samstag ein ganz normaler Schultag) und haben das Wochenende fast komplett vorm (einzigen) Fernseher verbracht und irgendwelche Hindi-Filme angeguckt (die verschrien sind, unheimlich kitschig zu sein und ich hätte ja eh nix verstanden). So war ich am Samstag ne große Runde umherwandern und hab den Berg hinterm Meditations-Center erklommen - was zuweilen eine etwas rutschige Angelegenheit war mit meinen Turnschuhen und dem vielen Geröll, was da rumliegt...Aber Anstrengung und ein bisschen Ängstlichkeit haben sich gelohnt – war ein fantastischer Ausblick von da oben und jetz weiß ich auch endlich, was auf der anderen Seite ist – ein langgestrecktes, bewohntes und sehr grünes Tal :). Rückwärts rutschte ich meist auf allen vieren hinunter…da wo man hochwärts mit Kraft und langen Armen und Beinen weiterkam, kommt man bergab manchmal nicht weiter und muss sich ne andre Route suchen.

Am Sonntag wurde nach dem Puja-Gottesdienst zum ersten Mal das „Culture Program“ aufgeführt – für die Tagestouristen, die Sonntags von Leh aus einen organisierten Ausflug zu uns ins Mahabodhi Center machen. Die nehmen an der Puja teil, werden einmal um den ganzen Campus geführt, essen Mittag und danach führen die Jungs und Mädchen, Nonnen und Mönche ein wirklich respektables Programm in der Culture Hall (so richtig mit Bühne und Vorhang und Plastik-Garten-Stühlen fürs Publikum) auf. Die traditionellen ladakhischen Tänze werden meist im Kreis oder Halbkreis getanzt, wobei die meiste Bewegung von Armen und Händen ausgeht, die Füße machen kleine tänzelnde Schritte. Dazu wird gesungen, getrommelt, geflötet (auf einer Art Tröte) und die farbenprächtigen traditionellen ladakhischen oder indischen Kleider geschwungen. :) Hat Spaß gemacht und der anschließende Schwatz mit ner deutschen Touristen (hat man ihr gleich angesehen ;)) hat gut getan.

Am Montag gabs dann gleich nochmal eine Portion Landeskultur. Wie ich glücklicherweise eher zufällig noch erfahren hab, fand schon übers ganze Wochenende, aber eben auch noch Montag, auf einem Platz am Indus-River das Sinduh-Festival, eine Feierlichkeit der Hindus, statt (weshalb das unsere Buddhisten eher nicht so interessiert hat). Der Platz ist ne gute halbe Stunde zu Fuß vom Campus entfernt, also perfekt für einen Morgenspaziergang. Da mir hier keiner sagen konnte, was wann wie dort abläuft, bin ich vormittags schonmal hinspaziert, wo allerdings nix los war. Aber Bühne und überdachte Gartenstuhl-Sitz-Tribünen waren aufgebaut und ein paar Menschen und Touristen liefen auch rum. Das Programm fand erst abends um 19Uhr statt, wie ich herausfand. Das Wetter war nicht allzu schlecht und ich hatte was zum Lesen und Postkarten zum Beschreiben mit, also hab ich mich ans Flussufer gesetzt und wollte Karten schreiben. Dazu kam ich allerdings nicht, denn erst belagerten mich zwei ladakhische kleine Jungs, die kein Wort Englisch konnten, sich aber links und rechts von mir platzierten und mich und meine Karten anstarrten oder kicherten. Als die schließlich verschwanden, nachdem ich sie wohl langweilte mit Kartenangucken, setzte sich ne ladakhische Oma neben mich, die ebenfalls kein Wort verstand oder sprach, sich aber erst sehr für meine Karten interessierte und dann versuchte, mir per Zeichensprache mitzuteilen, dass sie wohl was am Auge hat und Geld von mir will. Da ich sie natürlich nicht verstanden hab(en wollte), ist die dann auch bald wieder gegangen. Kurz drauf saß ein junges hübsches indisches Mädel (um die 18 Jahre, aus Mumbai, auch als Tourist da) neben mir, die hervorragend Englisch sprach und sich einfach nur für mich als westlicher Tourist interessierte. Haben sehr nett gequatscht, bis ihre Eltern zum Aufbruch mahnten. Keine 5 Minuten später, als ich grad wieder los wollte, weil die Mittagszeit nahte, kamen zwei kleine indische Mädchen (so um die 8 und 10 Jahre) auf mich zu, stellten sich höflich vor und wollten wissen, wo ich herkomme und was ich hier mache… Total niedlich! Und es ist komisch, offensichtlich eine Attraktion zu sein :D.

Abends bin ich dann also nochmal hinmarschiert, wurde aber netterweise auf halben Weg von einem Bollywood-Schauspieler aus Tibet in seinem Jeep mitgenommen :). Das Programm selbst war bunt und unterhaltsam, wieder Tänze, Trommler und Sänger, aber alles ne Spur schwungvoller und indischer, als das Programm bei uns am Sonntag. Toll war, dass dort nette ladakhische Frauen das komplette Publikum, und das waren doch allerhand Menschen, mit gutem Milchtee und einem Tellerchen Momos versorgt haben – und das alles für umsonst! Momos sind kleine Teigtaschen mit einer Fleisch- oder Gemüsefüllung, manchmal auch frittiert – sehr sehr lecker! Vor mir saß ein westlicher Tourist mit langen ergrauten Haaren, dicker Kameratasche – und einem Stoffbeutel mit einem Schriftzug von irgendner Baugenossenschaft :). Damit war er als Deutscher erkannt und als ich mit „Hallo“ grüßte als er mich beim Sich-Umschauen anlächelte, staunte er nicht schlecht über meine Menschenkenntnis *hihi*. Dieser Mann is ein total freakiger Typ, der schon mehrere Jahre lang immer wieder nach Ladakh reist und sogar schon mehrere Winter hier verbracht hat, indem er bei irgendwelchen Familien lebt, die er im Laufe der Jahre kennengelernt hat… War jedenfalls wieder eine interessante Bekanntschaft und als wir nach dem Programm zusammen raus liefen, ich, um heim zu laufen, er, um mit Bus oder Taxi nach Leh zurück zu fahren, hielt ein Jeep an und der Fahrer fragte, wo wir hin müssen und lud uns ein, bei ihm Richtung Leh mitzufahren. Das allein hätte mir schon viel geholfen und den halben Weg Laufen in Dunkelheit abgenommen. Aber der ist dann sogar noch die Extra-Strecke zum Mahabodhi gefahren und hat mich quasi direkt zu Hause abgesetzt – wofür ich echt dankbar war, denn so richtig hatte ich mir das vorher nicht überlegt, dass es ja stockfinster sein wird, wenn ich nach dem Programm heimlaufen muss…

Insgesamt waren das also wirklich schöne und erlebnisreiche Tage und auch die letzten Tage habe ich sehr genossen – denn die Temperaturen werden merklich milder! Heut scheint schon den ganzen Tag die Sonne und ich sitze im T-Shirt (!!!) und nackigen Füßen im Guesthouse-Garten :). Ich bastle fleißig an meinem Notice-Board-Design, draußen spielen mit den Kinderlein macht dann jetz auch Spaß, wenn man nicht nur am Zittern ist und meine Reise-Planung nimmt langsam Gestalt an.

Jetzt geht’s zum Lesen-Üben zu den Kleinen, muss auch aus der Sonne raus, die knallt ganz schön. Herzlichste Berggrüße an euch!

Mittwoch, 9. Juni 2010

Kranke Mädchen, indische Hitlerverehrer und Entscheidungen

Hallo ihr Lieben. Schon wieder ist nun mehr als eine Woche rum, seit dem ich zuletzt Neues vom Berg habe verlauten lassen. Allerdings kann ich diesmal nicht unbedingt behaupten, dass diese schnell rumgegangen wäre. Nicht nur, dass Hannah als Quatsch-und Unternehm-Gesellschaft weggefallen ist, zusätzlich hatten sich die Australier auch noch für 3 Tage ins Meditation-Center verdrückt (dort finden ab jetzt regelmäßig 3-Tages-Meditations-Kurse für Touris statt: 3 Tage lang meditieren, Yoga machen und dem Mönch zuhören – bei absolutem Rede- und Schreib-Verbot. Kostet aber extra und lockt mich jetzt nicht so. Die morgendlichen Sessions sind ausreichend gewinnbringend :)).

Mir fällt es heut ein bisschen schwer, die richtigen Worte zu finden, weil ich so viel mitteilen möchte… Neben durchaus auch beeindruckenden Beobachtungen ausm Girsl  Hostel sind es heute vor allem die vielen negativen Dinge, die mir hier auffallen, die mich ärgern, die mir aufstoßen, die ich nicht ändern kann, die ich tolerieren muss… die auch dazu beitragen, dass ich Entscheidungen getroffen hab und die ich versuche, hier anzuschneiden, weil sie genauso zu meinen Erlebnissen gehören, wie all die tollen und angenehmen Dinge, die schon erleben und erfahren durfte.

Mein Tagesablauf hat sich nicht großartig verändert, seitdem ich im Hostel wohne. Meditieren und Yoga fiel die letzte Woche erstmal aus, weil eben diese 3-Tages-Kurse anliefen, die eigentlich nur für zahlende Gäste gedacht sind. Habe aber nun Sondererlaubnis und darf früh die erste Session Meditation und Yoga mitmachen – die sogar schon 5.30 Uhr startet und nicht 6.30 Uhr wie bisher. Allerdings kam ich vorgestern (der erste Tag des momentanen Kurses) wegen böser Kopfschmerzen und vorübergehendem Bauchgrimmen früh nicht aus den Federn und gestern wachte ich wieder mit nem geschwollenen Unterarm (diesmal der rechte) nach nächtlicher Bedbug-Attacke auf. Drum hab ich den dritten Tag heut auch sausen lassen, um die nicht-reden-dürfenden Kursteilnehmer nicht mit meiner plötzlichen Anwesenheit zu verwirren ;).

Frühstück gibt’s im Hostel um 7 Uhr.  Die Mädels stehen schon 5.30 Uhr auf – ich hab letzte Woche einmal auch das Morgenprogramm der Mädels mitgemacht,  mich dann aber aufgrund meiner gesundheitlichen Situation an den folgenden Tagen fürs „Ausschlafen“ bis 6.30 Uhr entschieden… ;) . Also: ab 5.45 Uhr is ne halbe Stunde Morgensport angesagt (ne Runde ums Gelände „joggen“, was eher ein unambitioniertes Vorsichhinstolpern ist – is aber auch kein Wunder, da die meisten gar keine Turnschuh haben, sondern diese Schaumstoff-Pantoffeln tragen…, und bissl Gymnastik), dann ne halbe Stunde Morgen-Buddha-Anbetung, was man sich folgendermaßen vorstellen muss: Im Hof  werden dünne Teppiche ausgerollt. Darauf sitzen dann alle 120 Mädels in Reihen (man beachte: die haben gerade Sport gemacht, tragen einen dünnen Jogginganzug, sind barfuß oder mit löchrigen dünnen Söckchen, haben kein Kissen unterm Hintern, es sind um die 5 Grad… also ICH weiß, warum die alle krank sind…) und singen die Buddha-Mantra-Gesänge, die ich mittlerweile sogar mitsummen kann :), beim Text auf Ladakhi haperts dann aber doch noch… ;). Dann wird ein paar Minuten meditiert – allerdings nicht mit anleitenden sanften Worten von einem Mönch oder jemandem, der sich damit auskennt, sondern mit befehlenden harschen Worten von Tashi (die Hostel-Verantwortliche) im Militärston. Also mir fiel es schwer, unter dem Befehl „Close your eyes!!!“  eine entspannte, harmonische innere Haltung zum Meditieren zu finden…

Tashis Umgang und Umgangston mit den Mädchen ist in meinen Augen generell anzuzweifeln. Dieser Militärston (erhobene, laute, oft schreiende Stimme) ist ihr normaler Ton mit den Mädels zu sprechen. Sie ist auch der Meinung, dass die einzige Möglichkeit, mit den Mädels zurechtzukommen und respektiert zu werden, die ist, dass die Mädels Angst vor ihr haben… Wenn es während der Meditation so aussieht, als würde ein Mädchen grad am Einnicken sein (und das passiert bei den kleinen Mäusen hin und wieder – ich mein, manche sind grade mal 4 oder 5 und müssen früh um sechs ne halbe Stunde draußen sitzen und beten!), kriegen sie nen Tritt oder eins mit nem Stock über die Hände gezogen… Unglaublich, aber wahr. Oder eine andere Szene, als ne Reihe von Mädels, große wie kleine, 10 min zu spät zum Frühstück in die Essenshalle kamen – Tashi wartete an der Tür und verpasste jeder nen heftigen Fausthieb auf den Rücken zur Strafe. Die großen lachten drüber, die Kleinen rieben sich die schmerzende Stelle... Die Tatsache, dass niemand versucht, diese Methoden vor meinen Augen zu verstecken, ist ja Beweis dafür, dass sie das völlig normal finden und sich nicht darüber bewusst sind, dass die Zeiten, wo man körperliche Züchtigung anwendet, lange vorbei sind. Naja, zumindest eben bei uns… Auf meine Nachfrage bei Dechen hin (einer Lehrerin, mit der ich mich sehr gut verstehe), ob das wirklich nötig und angemessen sei, erklärte sie, dass es in der Schule den Lehrern zwar verboten sei, mit dem Stock zu schlagen, aber im Hostel sei es normal – ebenso wie innerhalb der Familien, die hier in Ladakh wohnen. Eltern würden ihre Kinder noch viel härter rannehmen. Als ich fragte, was der Obermönch dazu sagt – weil, ähm – Buddhismus und Kinder schlagen?!? Wie bitteschön verträgt sich das?! – räumte sie ein, dass er eigentlich sagt, dass nirgendwo geschlagen werden soll und darf. Aber da hält sich halt keiner dran. Und wahrscheinlich weiß er das auch. Keine Ahnung….

Zum Frühstück gibt’s für die Kinder meist das gleiche, was es auch zum Mittag oder Abendessen geben könnte: Also Reis mit Gemüse, ladakhische Suppe oder so dünne Brotfladen (sehen aus wie Tortillas, aus denen man Wraps macht, aber aus nem speziellen Teig) mit Gemüse. Für mich gibt’s immer diese Brotfladen mit Butter und Sonntags auch schonmal ein Rührei dazu :). Letzte Woche gabs aber sogar auch mal Weißbrot mit nem Klecks Marmelade – auch für die Kinder! Dazu gibt’s Tee – schwarz mit dicker Kondensmilch und viiiiel Zucker. Lecker! :) Den ladakhischen Buttertee (Schwarztee mit Butter und Salz!) hab ich nach einmal Kosten nie wieder angerührt – bäh! Nach dem Frühstück ist dann Zeit bis 9 Uhr, da sammeln sich dann alle im Hof und machen sich auf den Weg zur Schule (ist ein kurzer Fußmarsch von 10 Minuten). Bis dahin macht jeder so sein Zeug – Haarewaschen, Wäschewaschen, Hausaufgaben, Zimmer und Flure auskehren, Zöpfe flechten usw. Fast alle Wasch- und Körperhygiene-Tätigkeiten finden übrigens draußen in nem (immerhin) überdachten Waschraum mit eiskaltem Wasser statt. Ein bis zweimal die Woche wird Ganzkörper-geduscht, das dann immerhin drinnen in kleinen Duschräumen. Das ist wirklich sehr beeindruckend, wie die Mädels früh um acht bei bösester Kälte barfuß in der Waschecke hocken und sich die langen schwarzen Haare mit Eiswasser waschen *brrrrrrrrr*. So, und dann ist Schule angesagt - erst halb fünf finden sich die Mädels wieder alle im Hostel ein. Ich hab also jeden Tag bis halb fünf Zeit für mich. Mit Wäsche waschen per Hand geht schonmal viel Zeit rum. Auch den Teppich im Zimmer ein bisschen sauberer zu machen braucht gut Zeit, da es dafür eine Art Bürste in einer Plastikschachtel gibt, mit der man dann das ganze Zimmer auf Knien durchrutscht und den Teppich abbürstet :D. Die meiste Zeit verbring ich alerdings lesend, spazierend oder am PC – entweder im schönen Guesthouse-Garten, wo ich grad auch sitze, oder im Office, wenn das Wetter mal wieder bescheiden ist (wie die letzten 5 Tage…). Das Internet funktioniert zur Zeit immer nur manchmal, mit Ausnahme von Skype, das findet fast immer einen Weg in die Welt :D. Bin immernoch beschäftigt mit meinem Auftrag, das schwarze Brett fürs Altenheim zu gestalten. Weil entweder das Wetter nie passte und/oder Lhamo nie da war hat es bis letzten Samstag gedauert, endlich mal das Foto-Projekt durchzuziehen. Das war ein Spaß :) - alle 30 Altenheimbewohner, davon einige auch geistig behindert, vor die Linse zu bekommen und sie dazu zu animieren, ein freundliches Gesicht zu machen – herrlich! :) Mittag gibt’s dann um 13 Uhr. Ess ich aber nicht mit im Hostel, sondern im Office, wo eigentlich auch die Australier anzutreffen sind. Als die nicht da waren, musste ich mich nun allein mit dem total freakigen indischen Typen unterhalten. Ein Typ Mitte vierzig, alleinstehend, aus Delhi, der hier zwei Monate als Lehrer gearbeitet hat (ist gestern überraschend und plötzlich abgereist). Und einer von der Sorte Mensch, der einem ungefragt Dinge von sich erzählt, die man gar nicht wissen will. Dabei fuchtelte er einem beim Reden immer mit beiden Händen so nahe vorm Gesicht rum, dass man ernstlich besorgt um sein Augenlicht war… Aber irgendwie war er auch ein bisschen niedlich und amüsant und ich war immer gespannt, was er mir heute erzählen mag. Eine unserer Unterhaltungen endete schließlich bei seiner völlig ernstgemeinten Feststellung, dass Hitler ein total cooler Typ war, der damals alles richtig gemacht hat und sein Ziel, die Welt zu beherrschen, doch wirklich sehr beeindruckend und beachtenswert sei. Er habe nur einen Fehler gemacht: Selbstmord begangen zu haben. Aha. Is klar. Ziemlich aufgebracht hab ich dann vergeblich versucht, ihm das auszureden und ihm schließlich ans Herz gelegt, diese Meinung nicht allzu laut zu vertreten, falls er mal nach Deutschland kommen sollte… *kopfschüttel*

Von 17 bis 18.30 Uhr haben die Kleinen bis zur 4. Klasse dann Study-Time, als Hausaufgaben-Stunde, die ich jetzt immer mit betreue. Das macht unheimlich Spaß, weil die Kleinen ganz verrückt drauf sind, mir aus ihren Lesebüchern vorzulesen, Gedichte oder Zahlen oder das Alphabet aufzusagen. Ich muss oft die Aussprache berichtigen, aber da sind sie sehr aufmerksam und lernwillig. Ich denke, wir machen schon Fortschritte ;). Wirklich verstehen können mich die Kleinen allerdings nicht, dazu ist das Englisch noch zu schwach. Is aber auch krass, was die alles parallel lernen: Ihre Muttersprache Ladakhi, die tibetische Schriftzeichen benutzt, dann Hindi mit Hindi-Schriftzeichen und dazu noch Englisch! Wenn man so unmittelbar unter den Kinderlein sitzt, bekommt man leider auch die olfaktorische Information, dass sie sich tatsächlich nur einmal die Woche waschen und Wäsche wechseln… Außerdem läuft bei allen Kleinen permanent der Rotz aus der Nase…

Danach halte ich dann ne Stunde für die größeren Mädels ab der 5. Klasse, jeden Wochentag ne andere Klassenstufe. Wir machen ein paar Englisch-Übungen, besprechen Hausaufgaben oder ich bring ein bisschen Deutsch bei. Für die nächsten zwei Wochen bereite ich ein paar Power-Points über Deutschland vor. Die sind ganz verrückt auf Fotos  :). Ja, und die verbleibende Zeit bis zum Abendessen wird aufm Hof mit den Kleinen gespielt (die Großen sind meist auf ihren Zimmern – im Übrigen schlafen mindestens 7 Mädchen in einem Zimmer, im Höchstfall 18). Weils abends immer ganz besonders kalt wird und Rumhängen aufm Hof fast unerträglich ist, plädiere ich immer für einen Spaziergang. Finden sie gut, die Mädels, und schlagen sich immer fast darum, wer an meiner Hand laufen darf ;). Um 20 Uhr dann endlich Abendessen (ich weiß nich, wie’s die Mädels machen, 7 Stunden ohne Nahrung so quietschfidel zu bleiben – ich muss nachmittags immer Bananen, Mangos und Kekse essen, um zu überleben) und nach bisschen lesen oder ner Serienfolge aufm Laptop geht’s in den Schlafsack. Irgendwo im Zimmer wohnen Bedbugs, das ist mal klar, auch wenn sie aus mir unerfindlichen Gründen bisher nur zweimal zugeschlagen haben, seit dem ich da wohne. Facebook-Leser wissen, dass letzte Woche mein linker Unterarm aufgrund zweier Bisse so angeschwollen war, dass ich meine Hand kaum mehr bewegen konnte. Irgendwie sah das nach allergischer Reaktion aus. Nach drei Tagen wars aber wieder gut und es gab keine neuen Bisse, weshalb ich schon zweifelte, obs wirklich Bedbugs waren. Hatte ja damals im Altenheim auch keine so krassen Reaktionen… Vorletzte Nacht dann der rechte Unterarm – ich bin nachts aufgewacht, weils juckte und hab auch sofort den Übeltäter entdeckt und getötet. Tut schön weh der Arm. Scheißmist. Wird aber nix dagegen unternommen von Seiten Tashis. Bett von der Wand wegrücken sollte helfen, weil die Viecher wohl aus der Holzdecke über die Wand aufs Bett kommen. Naja, dass das nicht hilft, ist nun bewiesen….

Im Hostel geht grad ne Magen-Darm-Seuche rum – derzeit liegen 10 Mädels flach, jeden Tag genesen welche und kommen wieder neue Krankheitsfälle dazu. Können einem echt nur leid tun die Mäuse, wenn man sie mit Leidensmine zum „Local-Klo“ und wieder zurück ins Bett schlurfen sieht. Das Local-Klo ist ein Klo, wie es die Locals, also die Einheimischen benutzen: ein Natur-Klo, was nur aus einem Loch im Boden besteht, drunter formieren sich die Verdauungs-Restbestände zu einem großen Haufen. Der dolle stinkt. Ich weiß echt nicht und traue mich nicht zu fragen, wie die das dort machen – Inder benutzen ja generell kein Klopapier, sondern Wasser (neben der Toilette ist immer ein kleiner Wasserhahn angebracht und es gibt nen Eimer mit Schöpfkanne). Aber diese Natur-Klos sind eben wirklich nur Löcher – ohne Wasser, ohne Papier. Und die Kinder nehmen definitiv nix mit, wenn sie das Örtchen aufsuchen, ich hab das beobachtet ;). Nun stelle man sich vor, man hat Durchfall… Ich muss doch mal nachfragen...das beschäftigt mich schon die ganze Zeit :D.

In meinem Bad gibt’s übrigens sogar ne richtige Sitztoilette mit ganz normaler Wasserspülung. Und theoretisch wäre auch hier warmes Wasser ausm Wasserhahn möglich – wenn der Boiler nicht kaputt wär (wie im Volunteerhaus, wo ich vorher gewohnt hab). Klar haben die hier wirklich nicht viel Geld, bestimmt gibt’s auch wichtigere Dinge, als kaputte Boiler zu reparieren. Und klar leben die Menschen hier einfach noch ein anderes Leben, auch wenn die moderne westliche Welt natürlich überall ihre Einflüsse zeigt. Dass eher „rückständige“ Länder oder Bewohner mit modernen Errungenschaften dann oft nicht umgehen können, beweisen ja viele Beispiele. Hier zeigt es sich darin, dass kein Wert drauf gelegt wird, die einmal vorhandenen Dinge zu hegen und zu pflegen. Da spendiert eine deutsche Firma eine komplette Solaranlage fürs Girls-Hostel, damit sie jederzeit Wasser warm machen können – und dann gibt diese wenige Wochen nach Inbetriebnahme (is schon paar Jahre her jetzt) den Geist auf, weil die Batterieneinfach nicht ordnungsgemäß Instand gehalten wurden. Isse halt kaputt, die zigtausend Euro teure Solaranlage. Das ist eben wirklich eine andere Mentalität und ich kann nichts dran ändern, muss das so hinnehmen und die Leute ihr Leben so leben lassen – und das kann ich auch, weil ich ja weiß, dass ich hier nicht ewig bleiben und leben muss, sondern bald wieder weg bin. Aber aufstoßen tut es mir und ich ärgere mich deshalb, weil die armen Mädchen drunter leiden müssen. Auch wenn sie wahrscheinlich nicht wirklich drunter leiden, weil sies nicht groß anders kennen. Aber es ist eben NICHT so, dass versucht wird, aus den geringen vorhandenen Mitteln das Beste zu machen. Wenn dem so wäre, würde wahrscheinlich meine Bewunderung darüber überwiegen, dass die Mädels mit so wenig doch so zufrieden sein können und ihr Leben meistern.

Kommen wir nun zu den anfänglich angekündigten Entscheidungen ;). Ich denke schon so ziemlich die ganze Zeit meines Aufenthaltes darüber nach, inwiefern ich hier wirklich sinnvoll und gewinnbringend – sowohl für mich als auch für die Mädels hier – meine Zeit verbringe. Es stellte und stellt sich heraus, dass statt der eigentlich geplanten 4 Monate, also bis Ende August, definitiv 2 Monate völlig ausreichend sind, dass ich hier alles sehen, kennenlernen, fühlen, betrachten, bewerten und in mir aufnehmen kann, ebenso, dass ich den Mädels das mitgeben kann, was ich ihnen beibringen könnte. Ich will nicht noch weitere zwei Monate (auch wenn das Wetter sicherlich dann doch irgendwann mal sowas wie sommerlich werden wird) hier meine Tage irgendwie sinnvoll rumbringen müssen, bis ich dann abends drei Stunden mit den Mädels verbringen kann. Und ich will mich nicht mehr länger über fragwürdige Erziehungsmethoden, frierende und kranke Kinder, Bedbugs, zu spät kommende Obermönche, unorganisierte Mitarbeiter, verdreckte und vermüllte Stadtstraßen, stinkende  und umweltverpestende Auspuffgase und eine schreiende Tashi ärgern müssen. Manchmal müssen Pläne eben geändert werden -also habe ich beschlossen, mein Projekt früher zu beenden und Ende Juni hier das Feld zu räumen. Eigentlich wollte ich ja nach meinem Aufenthalt hier noch für ein paar Wochen Indien bereisen und anschauen – im Juli und August ist allerdings Regenzeit in ganz Indien außer Ladakh, also dem nördlichsten Bergzipfel, wo ich grad bin. Das heißt, es regnet beinahe täglich unheimlich viel, und das bei sehr hohen Temperaturen, so dass eine Art Dampfsauna-Klima herrscht. Nicht so ideal also. Im September ist im Grunde auch noch Regenzeit, aber es lässt schon sehr nach und es regnet nicht mehr permanent  und ab Oktober beginnt dann erst die eigentliche Reisesaison für Indien, mit trockenem und angenehm warmem Wetter, weshalb ich eben bis Ende August hier bleiben wollte. Ich will nun nicht hierbleiben und ich will nicht in einer dauernassen Dampfsauna Indien angucken. Also komm ich einfach heim! :) Und freu mich ganz wahnsinnig sehr darüber und weiß, dass das die richtige Entscheidung ist.

Ich bleibe jetzt noch zweieinhalb Wochen, also bis Ende Juni, hier im Mahabodhi und seh mal zu, die Zeit noch so sinnvoll und gewinnbringend wie möglich zu verbringen. Dann ziehe ich um nach Leh, wohne da ein paar Tage und mach von dort aus vielleicht noch ein paar Ausflüge in die nähere Umgebung. Und dann geht’s per Bus auf nach Delhi. Sind um die 1000km oder so. Werde mir schön Zeit lassen und mir auf dem Weg dahin alles angucken. Und dann komm ich heim, am 26. Juli geht der Flieger! Ich freu mich soo! Rest-Indien wird dann eben irgendwann später und zur richtigen Zeit mal angeschaut!

So. Das war ein Rekord-Blog-Eintrag :D. Liebste Grüße nach Daheim!

Mittwoch, 2. Juni 2010

Buddha überall.

Jolay liebe Mitlesende :) ! Dienstag ist‘s heut schon wieder und der erste Juli (okay, jetzt ists schon wieder Mittwoch, weil gestern das Netz schon wieder im Eimer war ;) - und natürlich ist's erst Juni...danke Martin und Fränz ;)). Verrückt. Die Zeit vergeht recht flott mittlerweile, was wohl dem geschuldet ist, dass die letzten Tage immer was Nettes zu unternehmen anstand. :).

Letzten Donnerstag wurde ja hier Buddhas Geburtstag gefeiert, und zwar mit einem bunten Festumzug durch Leh. Die Schüler aller Schulen hatten schulfrei und zogen in ihren Schuluniformen in einem eeeewig langen Marsch durch die Stadt, hoch zum Leh Palace und zu nem Kloster und wieder zurück, dazwischen gabs hübsch geschmückte Lastwagen mit kostümierten Kindern, die Szenen aus Buddhas Leben nachstellten. Hannah und ich sind ein Stück mit marschiert, kamen uns dann allerdings blöd dabei vor, von Touristen wie unsereins, die am Straßenrand standen, angeguckt und fotografiert zu werden… :D… und haben uns beizeiten unauffällig abgesetzt. Sind Kaffeetrinken und Kuchenessen gegangen (schon ein paar Tage alt gewesen die Backwaren, aber dennoch lecker) und sind dann später wieder zum Event dazugestoßen, als der Umzug 2h später auf dem Festplatz ankam. Dort gabs dann auf ner Riesenbühne mit Riesenpublikum ein Programm aus laaaaang(weilig)en Reden (weil auf Ladakhi) und sehr unterhaltsamen traditionellen Tänzen und Gesängen in ebenso traditioneller Kleidung. Als unsre Schulmädels dann endlich dran waren mit ihrem Lied haben wir uns dann aber auch wieder verdrückt, weil ein übler Sturm mit Windhosen und Regen und Sandwirbelungen aufgezogen war und wir uns den A**** abfroren. Sind sehr lecker indisch Mittagessen gegangen (kostet nicht mehr als ein Mensa-Essen und man ist für den Rest des Tages pappsatt) – natürlich ohne Reis als Beilage, sondern mit leckerem Naan, einem dünnen ausgebackenen Fladenbrot, was es in allen möglichen Varianten mit Käse, Knoblauch, Butter usw. gibt. Danach noch ein bisschen shoppen, Kühe begucken und per Taxi wieder heim. Freitags gabs dann noch einen dreistündigen „Buddha-Dienst“, genannt Puja, der ja sonst auch immer sonntags stattfindet, um nochmal Geburtstag zu feiern. Himmel, das war vielleicht anstrengend – nicht nur, dass es um zwei anfangen sollte und es tatsächlich erst kurz vor drei anfing, weil der Obermönch halt einfach später kam - so dass wir 4 Stunden (!) dort gesessen haben (natürlich nicht ausschließlich im Schneidersitz, das krieg ich nach wie vor sooo lange dann doch nicht hin ;)). Auch anstrengend war, dass der Obermönch diesmal nur in Ladakhi sprach (war ja quasi Weihnachts-Gottesdienst, da isses schon wichtig, dass alle verstehen, was er sagt und die wenigsten können wirklich gut Englisch) und wir quasi 4 Stunden blablabla ausgesetzt waren…naja, und zwischendrin einfach abhauen wär nun auch nicht besonders höflich gewesen. Also Augen zu und über was Schönes nachgedacht und abwarten. Ich möchte behaupten, die tägliche Meditationsübung zeigt schon erste Erfolge bezüglich Geduld und Gleichmut ;).

Am Samstag gab‘s dann noch einen letzten Ausflug gemeinsam mit Hannah, nämlich zum berühmtesten und größten Kloster hier in der Nähe in Hemis und noch einem anderen Kloster auf dem Weg dahin. Tashi, die Girls Hostel-„Vorsteherin“ und eine Freundin von ihr begleiteten uns, was cool war, denn einer ihrer vielen Brüder (7 Geschwister hat sie insgesamt, relativ normal hier) ist Mönch geworden und führte uns im Kloster rum und lud uns noch zum Tee ein :). Die Klöster hier sind wirklich toll – alle hoch oben in den Bergen oder direkt  auf ner Bergspitze gebaut, in großer Farbenpracht, meist mit ner Ausstellung historischer Gegenstände und Kostbarkeiten aus der Region und dann die Gebetsräume! Mit riiiiisiegen Buddha-Stauen und sehr sehr alten Gemälden, Masken und kleinen buddhaähnlichen Statuen in gläsernen Schreinen. Und immer liegen Opfergaben wie Geldscheine, Saft-Tetrapacks oder Cola-Flaschen, viel Obst und Nüsse (was die Mönche nach ein paar Tagen verspeisen dürfen) aber auch schonmal ein Haarreifen oder Ohrschmuck auf den Altaren. Was die Mönche wohl damit machen mögen…

Gestern ganz früh haben wir Hannah zum Flughafen gebracht – sie dürfte jetzt mittlerweile daheim angekommen sein und Erdbeeren essen können. Ich bin wiedermal umgezogen, nun endlich an meinen eigentlichen „Arbeitsplatz“, das Girls Hostel. Das Zimmer ist recht finster und kühl, weil es nur zum (immerhin verglasten) Flur raus Fenster hat, aber es ist gemütlich da drin und es ist schön, mitten unter den Mädels zu wohnen und so am Girls-Alltag teilhaben zu können. Nachher geht’s zur Hausaufgaben-Hilfe für die Kleineren, danach eine Stunde quatschen mit den Älteren und dann Spielen mit denen, die Lust haben, bis zum Abendessen :).

Wettertechnisch macht man hier ganz schön was mit. Nachdem es letzten Freitag sogar kurz schneite, ist seit Sonntag sehr nettes Wetter gewesen – gestern hat die Sonne den ganzen Tag so geknallt, dass ich sogar nen leichten Sonnenbrand im Gesicht hab – trotz Sonnencreme! Warm ist’s aber trotzdem nicht, nur, wenn man sich unmittelbar in der Sonne aufhält. Die Luft hat geschätzterweise um die 8 Grad oder so…  Im Moment zieht der Himmel schon wieder komplett zu und die Bäume biegen sich im Sturm… :(

Alles Liebe nach zu Hause, wo ja der Sommer auch nicht so richtig Einzug halten mag, wie ich lese…